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Benjamin Merkler, geboren 1982, lebte 2002 bis 2007 in Köln, wo er Germanistik, Anglistik und Philosophie auf Magister studierte. Von 2007 bis 2009 studierte er an der Universität Heidelberg Anglistik, Philosophie und öffentliches Recht. Seit 2010 lebt er in Berlin und hat seine Promotion an der Technischen Universität Tallinn begonnen. Neben seinem Studium war er als Forschungsassistent sowie in einer PR/Marketing-Agentur tätig, schrieb gelegentlich Artikel und übersetzte. Zuvor war er schon in der Softwareentwicklung, in Marketing, Vertrieb und in der Gastronomie tätig. Privat trat er in seiner kölner Zeit ab und zu als Cressida Treulos (Travestie mit Livegesang) auf und stand im Bereich Kleinkunst und Comedy auf der Bühne. Überdies war er Protagonist in einem Dokumentarfilm.

Montag, Februar 21, 2011

BILDung vs. Bildung

Zwei Mal aufeinanderfolgend das gleiche Thema zu behandeln ist eigentlich nicht so mein Ding, jedoch enthält die Plagiatsaffaire soviel Stoff, der mich fundamental beschäftigt, dass ich es mir nicht verkneifen kann, auch heute darüber meine Meinung kund zu tun. Ich kann es nicht mehr hören, dieses ständige „es ist doch nur eine Doktorarbeit“ und „abgeschrieben haben schon Tausende“, weshalb ich einige prägnante Punkte zusammentragen möchte, um zu verdeutlichen, dass es hier um mehr geht als nur um einen Pennälerstreich.

Man kann in der aktuellen Diskussion in Bezug auf die Bewertung dieser Vorwürfe gerade sehr gut sehen, in welchen Redaktionen Akademiker sitzen bzw. wer für welche Zielgruppe schreibt. Dass es immer noch Befürworter für dieses mittlerweile wohl als nachgewiesen geltende Fehlverhalten gibt, geht mir nicht in den Kopf. Natürlich ist KTzG ein guter Verteidigungsminister (gewesen) und streng genommen befähigt ihn der in Frage stehende Titel nicht zu diesem Amt und er wäre auch ohne diesen ein ebenso guter Minister, jedoch geht es nicht darum. Es geht darum, dass er, der immer wieder Glaubwürdigkeit und die viel zitierten „klaren Worte“ in den Vordergrund gestellt hat, sich nun an eben diesen muss messen lassen. Auf der Ebene der Person also, hat er den sich selbst gewählten Maßstab, mit dem er bisher immer gemessen hat, verfehlt. Da Politik immer auch auf Glaubwürdigkeit beruht, hat er sich somit selbst disqualifiziert.

Doch auch als Verteidigungsminister, ist er meines Erachtens nicht mehr zu halten. Nehmen wir einmal an, er hätte ein anderes Ressort zugesprochen bekommen und wäre Bundesminister für Bildung und Forschung, dann wäre sein Rücktritt längst gefordert worden – auch von der breiten Öffentlichkeit. Doch wird hierbei gerne übersehen, dass auch innerhalb seines Ressorts Universitäten angesiedelt sind. Die Bundeswehr unterhält zwei eigene Universitäten, die zwar autonom verwaltet werden, jedoch auch Einrichtungen der Bundeswehr sind, deren oberster Diestherr der Verteidigungsminister nun mal ist. Daher sollte sich jeder nun Fragen: Wäre ein Bildungsminister mit Plagiatshintergrund noch zu halten? Wer diese Frage bejaht, für den habe ich weitere Argumente, wer sie verneint, dem sollte jetzt schon klar sein, dass KTzG zurücktreten muss.

Es geht hier ebenso um die Frage der Rechtsstaatlichkeit. Dies meine ich nicht nur in Bezug auf den Gleichheitsgrundsatz von Artikel 3 des Grundgesetzes, der besagt, dass wir vor dem Recht alle gleich sind, sondern es geht auch darum, dass gerade unser Rechtssystem grundlegenden Schaden nehmen würde, wenn dieses akademische Fehlverhalten nun nicht geahndet würde. Unzählige Berufe in diesem Land setzen akademische Abschlüsse voraus. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Richter, Lehrer, Ärzte oder andere Berufe, die staatlichen Qualitätsmerkmalen unterliegen, von Menschen ausgeübt werden, die sich ihren Abschluss erkauft oder erschlichen haben. Denn dann können wir gleich der Korruption Tür und Tor öffnen und die Titel bei ebay versteigern. Als Minister und Politiker bedarf er eines solchen Nachweises in Form eines Abschlusses nicht, aber als Minister und Politiker hat er einen Amtseid geleistet, in dem er geschworen hat ‚Schaden vom deutschen Volk abzuwenden‘ sowie ‚das Grundgesetz sowie die Gesetze des Bundes zu wahren‘. Auch wenn hier explizit nur die Bundesgesetze Erwähnung finden, so besagt dieser Satz implizit, dass er einen Eid darauf leistet, dass er sich den bestehenden Gesetzen (und somit auch jedweder Prüfungsordnung) unterordnet und sich nicht über sie erheben darf. Zudem schadet er, wenn er aus dieser Sache nun ohne Konsequenzen herauskommt insofern dem deutschen Volk, als dass er die Grundlagen aller akademischen Prüfungen unterläuft und somit eben das Tor öffnet für unrechtmäßige Richter, Lehrer, Ärzte, etc.. Speziell als Verteidigungsminister bedarf er keines legitim erworbenen Doktortitels, generell als Minister jedoch hat er bestehende Regeln einzuhalten.

Zudem steht er einer Institution vor, bei der das Einhalten von Regeln Grundbestandteil des Selbstverständnisses ist. Innerhalb der Bundeswehr muss man jederzeit schon bei kleinsten Fehler mit disziplinarischen Folgen rechnen, was soweit geht, dass hohe Sicherheitsleute nicht nur persönlich im privaten Bereich kontrolliert werden, sondern zum Teil sogar ihr Umfeld unter die Lupe genommen wird. Ich weiß zum Beispiel aus eigener Erfahrung, dass auch ich in irgendeiner Liste des Bundesministeriums der Verteidigung aufgeführt bin, nur weil einer meiner Freunde, mich dort als Freund angegeben hat. Ich kenne mich in den verschiedenen Disziplinarabstufungen nicht aus, jedoch könnte es gut sein, dass wenn ich nun einen Terroranschlag verüben würde, mein Freund daraufhin seinen Posten verlieren würde. Somit muss man von einem Verteidigungsminister erwarten, dass er selbst sich an die in der Bundeswehr zentralen Werte wie Anstand, Disziplin und Ordnung hält.

Doch, um einmal wegzukommen von der Frage, ob er als Minister zu halten ist, versuche ich nun zu bewerten, was dies für die Wissenschaft bedeutet. Wäre die Wissenschaft ein frankfurter Kaufhaus, so wäre er der Andreas Baader des Wissenschaftsbetriebs und wir dürften in eine Zukunft schauen, in der zweite und dritte Generationen das gesamte akademische Bildungssystems an die Grenzen der Existenz treiben. Es handelt sich um einen Angriff auf das Fundament eines ganzen über hunderte von Jahren etablierten Systems. Demnach wäre dann seine in der vergangenen Woche abgelieferte „Pseudo-Entschuldigung“ ähnlich zu werten, wie das respektlose Verhalten im Stammheimer Prozess.

In den letzten Tagen wird auch sehr der mediale Rummel kritisiert, der um die ganze Geschichte entstanden ist und es wird darauf verwiesen, dass wir doch wichtigere Fragen zu debattieren hätten. Doch wird dabei gerne vergessen, dass bei anderen Skandalen ein ebenso großer Rummel um anscheinend unwichtige Fragen entsteht – hier sei nur auf die Vielzahl von Dopingskandalen in der Sportwelt verwiesen. Wenn Deutschland schon wochenlang darüber dikutiert, ob man eine Verkäuferin, die einen fremden Pfandbon einlöst, sanktionieren sollte oder nicht, so sollte es erst recht dikutueren, ob man einen Minister, der fremde Texte, als seine eigenen ausgibt, sanktionieren sollte oder nicht. Auch das Argument, die ganze Diskussion sei ja von einem der Opposition nahe stehenden Wissenschaftler erst in Gang gesetzt worden und sei deswegen per se schon eine „Hetzjagd“, kann so nicht stehen bleiben. Denn es ist irrelevant für die Bewertung des Fehlverhaltens, ob dies von einem Genossen oder Gegner aufgedeckt wurde. Wenn ein SPD-naher Polizist einen Unionspolitiker des Mordes überführt, käme auch niemand auf die Idee zu sagen, dies sei politisch zu bewerten, sondern es stünde weiterhin der Mord Im vordergrund der Diskussion.

Dass Frau Merkel weiterhin ihr Hand schützend über den Prinz Charming ihres Kabinetts hält, würde ich momentan nicht überbewerten. Wenn man ihr Verhalten in vielen anderen Fällen der Vergangenheit betrachtet, könnte dies auch ihre übliche Demontagestrategie sein, denn je mehr sie ihn in seinem offensichtlich völlig in die falsche Richtung gehenden Krisenmanagements bestärkt, desto tiefer ist die Fallhöhe, wenn aus Bayreuth der Titelentzug kommt. Somit würde es in ein von ihr bekanntes Muster passen, dass sie nur die Absicht verfolgt, dass wenn er gehen muss, sie auch vorher sicher gestellt hat, dass er dann für alle Zeit geht.

Doch gerade auf der bayreuther Uni liegt jetzt eine hohe Verantwortung, was insofern problematisch ist, dass es eine Univerität aus Gnaden der CSU ist. Denn genau auf Bestreben von KTzGs Partei wurde diese Universität seinerzeit in den siebziger Jahren im Rahmen eines Strukturprogramms gegründet und viele der Menschen, die heute noch innerhalb der Universität etwas zu sagen haben, bekamen damals die Grundsteine ihrer Karriere eröffnet. Man muss also nun darauf vertrauen, dass sich das Selbstverständnis der Universität Bayreuth eher aus der akademischen Tradition speist als aus etwaigen alten Seilschaften heraus. Denn sonst degradiert sie nicht nur sich selbst, sondern den gesamten Wissenschaftsbetrieb. Oder wie ich es kürzlich auf Facebook gelesen habe: Dann ist ein Doktortitel aus Bayreuth nur noch so viel wert wie ein Diplom aus Pjöngjang.

Wer in diesem Zusammenhang noch von einer Hetzjagd spricht, hat nicht verstanden, was bei der Diskussion auf dem Spiel steht und welche weitreichenden Folgen eine Nichtahndung in diesem Falle haben könnte. Es geht nicht um die Demontage einer Person sondern um den Erhalt der Wissenschaft.

1 Comments:

Anonymous Feliks_Dzerzhinsky said...

Vielen Dank! Wir haben das Verfahren hier mal übersichtlich dargestellt:
Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens

7:08 nachm.  

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