Mein Foto
Name:
Standort: Berlin, Germany

Benjamin Merkler, geboren 1982, lebte 2002 bis 2007 in Köln, wo er Germanistik, Anglistik und Philosophie auf Magister studierte. Von 2007 bis 2009 studierte er an der Universität Heidelberg Anglistik, Philosophie und öffentliches Recht. Seit 2010 lebt er in Berlin und hat seine Promotion an der Technischen Universität Tallinn begonnen. Neben seinem Studium war er als Forschungsassistent sowie in einer PR/Marketing-Agentur tätig, schrieb gelegentlich Artikel und übersetzte. Zuvor war er schon in der Softwareentwicklung, in Marketing, Vertrieb und in der Gastronomie tätig. Privat trat er in seiner kölner Zeit ab und zu als Cressida Treulos (Travestie mit Livegesang) auf und stand im Bereich Kleinkunst und Comedy auf der Bühne. Überdies war er Protagonist in einem Dokumentarfilm.

Samstag, Oktober 30, 2010

Der Tag, an dem die Alliierten landeten

Ein kleiner Hügel irgendwo in der Normandie, der Abend legt sich langsam über die Welt. Dort draußen geht ein gewöhnlicher Bauer ruhig seiner Arbeit nach. Er weiß zwar, dass um ihn herum Krieg ist, doch ist ihm dies egal, da von Kriegshandlungen auf seinem Hof bisher nichts zu spüren war – allerhöchstens mal der ein oder andere Wehrmachtssoldat, der auf der nahegelegenen Straße vorbeizog. Das Land ist besetzt, doch es herrscht insofern Frieden, als dass keine offenen Gefechte ausgetragen werden. Was kümmert ihn schon die Weltpolitik? Doch dies wird sich in einigen Stunden ändern, denn die Alliierten Streitkräfte, deren Invasionsschiffe er heute von einem Küstenvorsprung gesehen hat und die sich auf eine Rückeroberung des Landes vorbereiten, werden in wenigen Stunden das Land erreichen. Dann wird der Krieg stärker in die Realität des Bauern treten. Er weiß noch nicht, was dies für ihn direkt bedeutet. Wird er nur die Schüsse aus der Ferne hören oder werden auch auf seinen Feldern Kämpfe ausgetragen? Werden die Soldaten gar seinen eigenen Hof zum Kriegsschauplatz verwandeln? Er weiß es nicht.

In den letzten fünf Jahren seit meiner Diagnose habe ich hier in meinem Blog das Thema HIV fast nie aufgegriffen. Zurecht, denn es war auch in meinem Leben nicht von tragender Bedeutung. Vielmehr kam es als Fußnote der eigenen Memoiren daher. Nichts von Bedeutung, nichts, worum man Aufsehens machen müsste. Dennoch habe ich mich dazu entschlossen, heute dieses Thema aufzugreifen, da diese Woche in gewisser Weise eine Zäsur darstellt: Ich habe die antiretrovirale Medikamententherapie begonnen.

„Ich denke, es wäre ratsam, nun mit einer Therapie zu beginnen,“ dieser Satz sitzt, wenn man ihn hört. Auch wenn es keinen akut gefährdenden Anlass gibt, so macht dieser Satz Angst, da er eine gewisse Endgültigkeit mit sich bringt. Es ist nun soweit, die nächste Ebene ist erreicht und man hofft, dass man in diesem „Level“ möglichst lange verharre, wissend, dass das nächste um einiges schwerer werden wird. Vor etwa sechs Wochen hatte ich diesen Rat entgegengenommen und um Bedenkzeit gebeten, da dies keine Entscheidung ist, die man ad hoc in einer Arztpraxis fällen sollte. Geht es schließlich darum, sich für oder gegen den Einsatz hochchemikalischer Medikamente zu entscheiden. Dass dieser Tag irgendwann kommen würde, war einem seit jeher klar, doch ist es ein Unterschied, wenn er vor einem steht.

In fünf Jahren habe ich viel erlebt, viel Unterstützung, kaum Ablehnung. Weniger aus eigenem Impuls heraus habe ich über dieses Thema gesprochen. Allerdings bedingt es, dass man irgendwie doch immer wieder darüber spricht und es immer wieder aufs Tapet kommt. Dann heißt es aufklären, anderen Menschen die Vorurteile und Ängste nehmen, immer gleiche Fragen zu beantworten und Sorgen zu entkräften. Im Gegensatz zu manch Anderem hatte ich das große Glück, eine Stigmatisierung oder einen gesellschaftlich-sozialen Ausschluss nicht erleben zu müssen. Gerade deshalb war es auch so einfach, dem Ganzen keine allzu große Bedeutung beizumessen. Relevanz hatte es nur in den Situationen, die man sowieso nicht im öffentlichen Raum ausbreitet.

Ich bin von meinem Umfeld oft dafür bewundert worden, wie ungezwungen ich mit diesem Thema umgehe. Vieles von dem Gesagten entbehrt auch nicht der Gütigkeit. Doch gab es auch eine andere Seite: Das hochgradig unvernünftige Ausblenden der Tatsachen. Aufgeschobene Arztbesuche, der Prokrastination anheimgefallen, das Nicht-wissen-wollen, die Angst zum Sklaven des eigenen Blutbildes zu werden. Was sollen mir zwei Werte schon sagen? Ich lebe und ich lebe gut – warum sich also sorgen? Man spürt nichts, der Körper erinnert einen nicht daran, was Sache ist und so bedarf es dann manchmal eines älteren Freundes, der einen unter Tränen darum bittet, doch nicht so unverantwortlich mit sich selbst umzugehen, da er schon habe Leute genau an den Folgen solcher Unverantwortlichkeit habe sterben sehen. Das nimmt einen schon mit und bewirkt, dass man dann doch vernünftig wird, sich wieder untersuchen lässt. Wenn sich jedoch dann herausstellt, dass soweit noch alles in Ordnung ist, dann beginnt es wieder, dieses langsame Sich-gehen-lassen. Natürlich sagt die Ratio einem, dass es nicht richtig ist – doch diese weiß man auch in anderen Situationen, etwa dem Rauchen auszublenden. Der Mensch ist zwar ein vernunftbegabtes Wesen, jedoch auch fähig, sich über selbige hinwegzusetzen. Das erst macht ihn menschlich.

Doch damit ist nun Schluss, nun kommt eine Zeit der Kontinuität. Jetzt tritt das Thema mindestens einmal täglich in Form kleiner, bunter Helferlein in Erscheinung. Der Tod schickt allabendlich eine Ansichtskarte aus der Ferne. Ab jetzt wird die Herausforderung nicht mehr darin liegen, die Unvernunft mittels der Ratio zu bekämpfen, sondern nun geht es darum, aus diesem stetigen „memento mori“ des Abends, ein „carpe diem“ des darauffolgenden Tages zu machen. Hinsichtlich des Gelingens dieser Aufgabe bin ich zuversichtlich und nehme sie gerne an. Schließlich liegt hierin das Potential das Leben ganz anders und viel bewusster wahr zu nehmen als bisher.

Hinzu kommen allerdings auch die Kollateralschäden dieses Kampfes. Auch wenn ich in den ersten Tagen keine besonders belastenden Nebenwirkungen verspüre, so doch genau die, die mich am ehesten belasten. Während der leichte Schwindel nach der Einnahme eher dem letzten Glas Rotwein, dass man zu viel getrunken hat, gleicht noch als recht amüsante Erscheinung daher kommt, so lassen mich andere Begebenheiten eher ins Grübeln kommen. Die Mattheit, die kleinen Aussetzer in der Konzentration und dieses Gefühl, als habe man die Nacht zuvor kräftig gefeiert. Man fühlt sich schlapp und es bedarf einiges mehr an Kraft, die vor einem liegenden Aufgaben zu bewältigen. Die Arbeit leidet zwar inhaltlich nicht darunter, jedoch ist man danach erschöpfter. Es bedarf eines größeren Aufwandes, das eigene Denken zu sortieren, gegen die latente Müdigkeit anzugehen. In den ersten Tagen ist mir dies gelungen und ich werde auch eine Weile noch gut dagegen angehen können. Bis dahin, so heißt es, würden diese Nebenwirkungen auch nachlassen. Dennoch die Angst: Was, wenn nicht? Hat man die Energie, diese Kraft über Monate oder Jahre aufzubringen? Was, wenn sich jetzt für allezeit ein Schleier über die sonst so klaren Gedanken legt? Jemandem wie mir, der den Körper immer nur als notwendige Verpackung des Geistes gesehen hat und sein ganzes Selbst auf Letzterem begründet hat, bereitet dies Sorgen. Doch will ich diesen Bedenken vorerst nicht so viel Raum geben und erst einmal abwarten, was in den nächsten Wochen so passiert.

In einem Monat ist Welt-Aids-Tag, das alljährliche Ritual. Die Medien werden das Thema aufgreifen, Menschen werden sich rote Schleifen ans Revers heften und die ganze Welt richtet ihre Augen betroffen auf ein Thema, dass sie ein paar Tage später am Glühweinstand der Weihnachtsmärkte schon wieder vergessen hat. Bis dahin wird sich auch für mich einiges Verändert haben. Der Alltag fordert seinen Tribut und lässt die nun akuten Gedanken zunehmend an Brisanz verlieren. Dann geht das Leben weiter, anders als bisher, jedoch deswegen nicht unbekümmerter. Es gibt ein tägliches Ritual mehr – nicht mehr, nicht weniger.

So legt sich der Bauer abends schlafen, die fernen Schüsse hörend. Einerseits beruhigt, dass nun die rettende Verstäkung eingetroffen ist, dennoch auch besorgt; doch hoffend, dass sein Hab und Gut nicht zu oft ins „friendly fire“ gerät.

1 Comments:

Anonymous Max Schneider said...

Einen so persönlichen Einblick in das Ich mit so viel Ehrlichkeit und so vielen Fakten in einer solchen Form zu verpacken lässt nur ein Resume zu:

Menschlicher gehts nicht!

5:03 PM  

Kommentar veröffentlichen

<< Home