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Benjamin Merkler, geboren 1982, lebte 2002 bis 2007 in Köln, wo er Germanistik, Anglistik und Philosophie auf Magister studierte. Von 2007 bis 2009 studierte er an der Universität Heidelberg Anglistik, Philosophie und öffentliches Recht. Seit 2010 lebt er in Berlin und hat seine Promotion an der Technischen Universität Tallinn begonnen. Neben seinem Studium war er als Forschungsassistent sowie in einer PR/Marketing-Agentur tätig, schrieb gelegentlich Artikel und übersetzte. Zuvor war er schon in der Softwareentwicklung, in Marketing, Vertrieb und in der Gastronomie tätig. Privat trat er in seiner kölner Zeit ab und zu als Cressida Treulos (Travestie mit Livegesang) auf und stand im Bereich Kleinkunst und Comedy auf der Bühne. Überdies war er Protagonist in einem Dokumentarfilm.

Sonntag, Oktober 23, 2005

Robinson Crusoe

Es war mal wieder soweit. Am Donnerstag hatte mein PC einen Totalausfall. Der ganz normale Ablauf: PC starten, Programme starten, anfangen, tippen, Fehlermeldung, Ende! Und dann das ganze noch einmal und dann erstmal gar nichts. Und vor dem Rechner sitzt der eigentliche GAU, in diesem Falle nämlich die „größte anzunehmende Unfähigkeit“ für dieses Problem.

Ein Hoch auf die Telefonflatrate und die hundert Bekannten, die man nicht erreicht, die 53, die das Problem nicht kennen, da es noch nie bei ihnen auftauchte und die 36, denen man es nicht beschreiben konnte:

„Was macht er denn?“

„Nichts!“

„Wie nichts?“

„Ja, nichts!“

„Hä?“

„Ja, nicht mal den Piep.“

„Welchen Piep?“

„Na, den beim Booten!!!“ (an dieser Stelle war ich superstolz, dass ich nicht hochfahren gesagt habe, denn ich bin dann immer versucht zu sagen: „Ich bekomm’ ihn nicht hoch.“ Allerdings war ich in dieser Situation garantiert NICHT zu Scherzen aufgelegt!)

„Weiß nicht, was du meinst.“

„Ich komm noch nicht mal ins Bios (gespr. Baios).“

„Ins was?“

„Ins Bios (gespr. Baios).“

„Waaaaaaaaas?“

„Ins Bios (gespr. Bios).“

„Ach, das Bios (gespr. Bios)! Wie du kommst da nicht rein?“

„Ja, ich komm da nicht rein.“

„Dann musst du beim Hochfahren auf Entfernen drücken.“

„Danke, das weiß ich. Das Problem ist er fährt nicht hoch!“

„Wie, er muss doch hochfahren.“

„Tut er aber nicht!“

„Tut er aber nicht? Was passiert denn auf dem Bildschirm.“

„NICHTS!!!! ABSOLUT NICHTS!!!! ES PASSIERT GAAAAAAR NICHTS!!!!!!“

An diesem Zeitpunkt sieht man dann einen mit Notschweiß bedeckten, hochaggressiven Ben durch die Wohnung laufen, der krampfhaft bemüht ist etwas zu finden, an dem er seiner Wut freien Lauf lassen kann.

„Dann zieh doch mal den Netzstecker und warte einige Sekunden, stecke ihn wieder hinein und versuchs noch mal.“

„DAS KANN JETZT NICHT DEIN ERNST SEIN! WAS SOLL DAS DENN BRINGEN?“

Habe es dann doch getan und siehe: Der Rechner fährt hoch, Windows startet und die Fehlermeldung kommt erneut, der Rechner fährt wieder runter und Ende. Wieder das gleiche Problem, jedoch dieses Mal nutzt selbst der Ich-verarsche-meinen-Rechner-indem-ich-den-Netzstecker-ziehe-und-ihm-somit-meine-Überlegenheit-zum-Ausdruck-bringe-Trick nichts mehr.

Und jetzt geht der Spaß erst richtig los: Benny fängt an zu schimpfen und wenn dieses Stadium einmal erreicht ist, dann sollte man am besten eine Stenografin zur Hand nehmen, die den ganzen Sermon dann mitschreibt, damit man später einen technisch-historisch-philosophisch-misantropisch-nihilistischen Diskurs veröffentlichen kann, der seinesgleichen sucht. Es ist mir jenseits der rage selbst immer ein Rätsel, wie ich in solchen Momenten auf so abstruse Gedankengänge komme, dass ich sämtliche scheinbar unvereinbare Dinge gleichschalte und im Grunde genommen, jemand der jetzt zur Tür hereinkäme, den Eindruck haben könnte, es sei etwas ganz Schlimmes und historisch Bedeutendes mit schwerwiegenden Konsequenzen für die ganze Weltbevölkerung passiert. Diese Ausführung wird jedoch nach einiger Zeit (böse Zungen behaupten nach Stunden) wieder zurückgeführt auf eine einzige Tatsache:

„Ich kann jetzt GAR NICHTS machen, ich müsste (und jetzt kommt’s, denn jetzt kommt alles das, was man sonst sowieso auf den Folgetag verschoben hätte) noch meine E-mails checken, eine Kolumne schreiben, für meine Hausarbeit recherchieren, für den Artikel recherchieren, Bücher bestellen, Aufsätze im Archiv suchen, eine Dissertation Korrektur lesen, etc. pp… Das einzige, was ich jetzt machen KÖNNTE, wäre meine Lektüre lesen.“

„Aber dann tu das doch, du liest doch sowieso gerne.“

„ABER DARUM GEHT ES DOCH JETZT NICHT!!!! ES GEHT DARUM DASS ICH WIRKLICH NICHTS MACHEN KANN!!!!!!!!!“

„Doch! Lesen.“

„Dazu habe ich aber keine Lust. Außerdem kann ich mich dabei jetzt eh nicht mehr konzentrieren. Ich glaube, ich lege mich mal was hin und danach sehen wir weiter.“

Und somit fühle ich mich dann wirklich wie Robinson. Ich sitze hier, abgeschieden von der Außenwelt und warte auf Freitag.

Aber der geneigte Leser wird sich natürlich jetzt fragen, wie ich denn nun heute einen neuen Beitrag schreiben kann, wenn doch mein PC nicht funktioniert. Ganz einfach…. Man wartet einige Stunden und siehe da – er funktioniert wieder. Wieso? Keine Ahnung!

Man macht dann noch, diesmal mit Hilfe einer qualifizierten Fernkommunikation, ein paar Systemchecks, räumt den Rechner auf und dieses bescheuerte Teil läuft wieder ganz normal. Die Ursache für den ganzen Ärger ist unbekannt und wird es wohl auch immer bleiben.

Somit warte ich jetzt einfach mal ab und hoffe, dass so was so schnell nicht mehr passiert.

P.S.: Dieser Beitrag ist der gebeutelten Person gewidmet, die mich in dieser Situation begleitet hat und die ich mittlerweile regelmäßig in der Psychiatrie besuche. Nein, Scherz bei Seite. Ich widme es „Dennis81cgn“, der die Rage ertrug, „Sunnyboy1983“, der auf die geniale Idee mit dem Netzstecker kam und „check1983", der mir mit Nichterreichbarkeit zur Seite stand.