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Benjamin Merkler, geboren 1982, lebte 2002 bis 2007 in Köln, wo er Germanistik, Anglistik und Philosophie auf Magister studierte. Von 2007 bis 2009 studierte er an der Universität Heidelberg Anglistik, Philosophie und öffentliches Recht. Seit 2010 lebt er in Berlin und hat seine Promotion an der Technischen Universität Tallinn begonnen. Neben seinem Studium war er als Forschungsassistent sowie in einer PR/Marketing-Agentur tätig, schrieb gelegentlich Artikel und übersetzte. Zuvor war er schon in der Softwareentwicklung, in Marketing, Vertrieb und in der Gastronomie tätig. Privat trat er in seiner kölner Zeit ab und zu als Cressida Treulos (Travestie mit Livegesang) auf und stand im Bereich Kleinkunst und Comedy auf der Bühne. Überdies war er Protagonist in einem Dokumentarfilm.

Dienstag, September 13, 2005

Schöne Aussicht

Nach fast 10 Jahren habe ich mich nun endlich von ihr getrennt. Sie hat diese Zeit mit mir geteilt und sehr viel mit mir zusammen erlebt. Sie hat mein Coming-Out mitbekommen und mir im Abitur hilfreich zur Seite gestanden, war dabei als ich mein Studium begonnen habe und hat selbst in den schwersten Zeiten zu mir gehalten und mich nie im Stich gelassen. Sie war mir eine sehr treue Begleiterin und ist auch dann nicht von meiner Seite gewichen, wenn es brenzlig wurde und selbst als ich ihr fremdging und mich mit ihren Konkurentinnen auf der Bühne und in Freizeitparks und zu offiziellen Anlässen vergnügte, so hat sie nie auf diese Kontakte gelinst. Und dennoch: Ich habe jetzt eine neue – eine neue Brille.

Die erste Reaktion eines Freundes hätte können nicht klischéehafter sein. Er sah mich und fragte, warum ich mich denn so schick gemacht habe. “Ich schick? Bin doch ganz normal.” “Nee, aber du siehst anders aus, die Frisur und so.” Jaja, die gute alte Frisur. Aber man kennt das ja...

Dabei laufe ich heute schon den ganzen Tag wie auf Wolken durch die Stadt. Oder sollte ich doch sagen wie in einem heftigen Rausch? Jedenfalls ist es eine komplett neue Wahrnehmung, da die Welt so klein wirkt, weil man alles so scharf sieht, sie jedopch gleichzeitig groß wirkt, da man ja die Dinge in der Ferne noch sieht. Das Weite rückt näher und man wundert sich, wieviel man doch bisher verpasst hat. Auch die Menschen werden schöner, dadurch, dass man nun endlich mal sieht wie häßlich sie doch sind. Denn jetzt ist wirklich jede Falte selbst im Verbeigehen sichtbar, jedoch haben die Gegenüber nun auch wieder Kontraste und klare Linien und sehen nicht mehr so 2-dimensional aus wie schlecht Kopien eines Kommander Data.

Doch das Hauptproblem des heutigen Tages neben diesem Schwebegefühl waren Glastüren – die Feinde eines Neubebrillten. Also eigentlich ist es ja gar nicht die Schuld der Türe, dass ich gegen sie gelaufen bin, sondern eher die Tatsache, dass ich das Schild “ziehen” übersehen habe und versuchte mir mit Drücken Durchgang zu verschaffen. Jetzt mag man sich fragen, wie mir denn das passieren kann, dass ich trotz meiner neuen Brille etwas übersehe, was doch eigentlich wesentlich besser zu sehen sein müsste als in der Vergangenheit. Wer sich jetzt schon eine Erklärung darin sucht, dass ich ja kurzsichtig bin und die Brille ja nur die Weitsicht nicht aber die Wahrnehmung der Nähe verbessert hat, der liegt leider auf der falschen Spur. Im Grunde genommen ist die Brille eben an diesem Debakel schuld, oder besser gesagt die verbesserte Sicht, die es mir nun ermöglicht durch die Glastüre hindurch den netten, jungen Mann am Ende des Ganges klar zu erkennen und mich auf ihn starren zu lassen, so dass ich gar nicht mehr darauf achte, ob auf der Türe nun “drücken” oder “ziehen” steht.

Wie dem auch sei, so freue ich mich jedoch sehr über mein neues Nasenfahrrad und werde jetzt nicht nur im eigentlichen Sinne in die Weite schauen, denn auf der metaphorischen Ebene wird auch einiges momentan klarer, was sich bisher nur der dunst des Schimmers eines Anscheins war.

Und somit schließe ich mit den Worten eines ehemaligen Lehrers, der immer, wenn man ratlos vor der Tafel stand, zu sagen pflegte:

Geh ma a Schritt z’rück, da kannscht’ des aus der Ferne näher betrachte.