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Benjamin Merkler, geboren 1982, lebte 2002 bis 2007 in Köln, wo er Germanistik, Anglistik und Philosophie auf Magister studierte. Von 2007 bis 2009 studierte er an der Universität Heidelberg Anglistik, Philosophie und öffentliches Recht. Seit 2010 lebt er in Berlin und hat seine Promotion an der Technischen Universität Tallinn begonnen. Neben seinem Studium war er als Forschungsassistent sowie in einer PR/Marketing-Agentur tätig, schrieb gelegentlich Artikel und übersetzte. Zuvor war er schon in der Softwareentwicklung, in Marketing, Vertrieb und in der Gastronomie tätig. Privat trat er in seiner kölner Zeit ab und zu als Cressida Treulos (Travestie mit Livegesang) auf und stand im Bereich Kleinkunst und Comedy auf der Bühne. Überdies war er Protagonist in einem Dokumentarfilm.

Sonntag, April 17, 2011

Verweile doch, du bist so schön!

Angel:
In creating You, Our Father-Lover unleashed
Sleeping Creation’s Potential for Change.
In YOU the Virus of TIME began!

Prior:
In making people God apparently set in motion a potential in the design for change, for random event, for movement forward.

Diese Passage entstammt einem der wohl faszinierensten Theaterstücke der letzten 25 Jahre: Angels in America von Tony Kushner. Es geht in diesem Stück neben vielen anderen Aspekten auch um die Frage, woran unsere moderne, hochtechnisierte Welt krankt. Prior Walter, der HIV-infiziert ist, wir in mehreren Halluzinationen von einem Engel heimgesucht, der sich darüber beklagt, dass durch die Schaffung des Menschen, Gott den Himmel und die Sphäre der Engel verlassen habe, da diese ihm aufgrund ihrer Unendlichkeit langweilig geworden seien. Dies führe dazu, dass die Menschheit, durch ihr stetes Fortschreiten und die Unfähigkeit, innehalten zu können, das göttliche Gleichgewicht der Schöpfung zerstöre.

Schaut man auf die letzten Wochen und Monate zurück, so bekommt man fast den Eindruck, als sei dies so. Mit jedem Tag – nein mit jeder Stunde – erreichen uns erschreckende Meldungen und schon bevor man das eine Ereignis begriffen hat, klopft das nächste schon an. Vor einigen Wochen habe ich mir, da ich bisher immer zielgerichtet Informationen eingeholt habe, dann doch einmal Google Reader eingerichtet und habe sämtliche Seiten, Medien und Blogs abonniert, die ich für relevant erachte. Im Umgang hiermit fiel mir jedoch zweierlei auf: Wenn ich mich durch die Headlines und Eingangsabsätze durchscrolle, fällt mir immer wieder auf, dass sehr viele Formulierungen sich ähneln und man oftmals das gleiche in allen möglichen Medien liest, zum anderen fällt mir auf, dass genau dies mich dazu verleitet, gewisse Meldungen deshalb als relevant zu erachten. Bei der Unmenge an Schlagzeilen, die ich überfliege, reagiere ich erst dann, wenn die Frequenz einer Meldung sehr hoch ist. Getreu dem Motto: Alle schreiben darüber, also muss es wichtig sein.

Doch liegt genau darin ein extrem gefährlicher Trugschluss. Denn das hierbei vorherrschende Kriterium ist lediglich die Quantität, nicht jedoch die Qualität. Oftmals ist ein einzelner Artikel, der im Tsunami der Meldungen unterzugehen droht, wesentlich gehaltvoller, als die ganze ihn umspülende Informationsflut. Doch bedarf es einer nicht geringen Überwindung, sich dann auf diesen einzulassen – zumal dann, wenn es ein längerer Artikel ist. Denn während des Lesens wird man schon unruhig, wissend, dass man durch die aktive Aufmerksamkeit, die man diesem Text schenkt, der Welt für einen Moment den Rücken kehrt und in Passivität verharrt, was die gleichzeitig eintreffenden Neuigkeiten anbelangt.

Verwundert es da, dass wir alle immer mehr die Orientierung verlieren? Wir, die wir ständig und rund um die Uhr im Stand-by-Modus laufen und durch diesen uns selbst auferlegten Stress ein vielfaches der Energie aufwenden, als es die meisten Generationen vor uns getan haben. Es gab Zeiten, nicht allzu lange her, als man Informationen noch auf täglicher Basis durch Tageszeitungen oder Nachrichtensendungen bekam und in denen es auch noch klare, latente Regeln gab, wann Menschen miteinander kommunizieren. Ich selbst erinnere mich noch daran, dass es zu Zeiten von Festnetztelefonen Zeiten gab, zu denen man andere Leute nicht anrief – so etwa abends ab neun Uhr oder im Privaten auch in der Mittagszeit (ausgenommen hiervon waren lediglich Notfälle oder der Kontakt zu engen Freunden). Heute jedoch werden rund um die Uhr Emails, Messages und SMS geschrieben und man ist mittlerweile nicht mal mehr überrascht, dass die Wahrscheinlichkeit eine umgehende Antwort auf seine Mail zu bekommen, nachts um drei höher ist als nachmittags um vier.

Wäre der Mensch Dresden und jede Nachricht eine Bombe, wäre das Bombardement der Alliierten das reinste Kinderspiel im Vergleich zu dem, was uns jeden Tag erreicht. Bleibt man in dieser Analogie, so fält jedoch auf, dass wir gar nicht mehr die Zeit finden, all die Feuer zu löschen, die in uns entzündet werden. Uns fehlt die Kontemplation, uns fehlt das Innehalten, das Nachdenken und Räsonieren. Wir verlieren zunehmends die Fähigkeit die Dinge einzuordnen und zu bewerten. Im Gegenzug werden wir Meister der Selektion – fleischgewordene Filter, die zu jedem Faktum gleich die richtige Schublade finden. In dieser landet dann die eingetroffene Information, wahrgenommen jedoch unreflektiert.

In meiner Heidelberger Zeit sind mir oftmals meist asiatische Touristengruppen begegnet, die quer durch Europa reisen und in zwei Wochen mehrere Dutzend Städte und hunderte von Sehenswürdigkeiten besichtigen. Doch ist dies nicht genau der gleiche Prozess? Mutieren wir nicht auch zu virtuellen Touristen, die in möglichst kurzer Zeit, möglichst viele Informationen erhaschen wollen? Der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Sinclair Lewis hat dies in einem anschaulischen Bild dargestellt: „Wer einen Dom zehnmal gesehen hat, hat etwas gesehen; wer zehn Dome einmal gesehen hat, hat nur wenig gesehen; und wer je eine halbe Stunde in hundert Domen verbracht hat, hat gar nichts gesehen.“

Eine der ältesten Dramentheorien geht zurück auf die Poetik des Aristoteles. Diese geht davon aus, dass ein gutes Drama über drei Einheiten verfügen muss: Die Einheit des Ortes, die Einheit der Zeit und die Einheit der Handlung. Auch wenn selbst in der Welt des Theaters diese Dogmen keinen Alleingeltungsanspruch mehr besitzen, so machen sie doch eines klar: Der Mensch ist nicht dazu gemacht, zur gleichen Zeit überall zu sein. Doch genau dies ist heute im Zeitalter der Newsticker, Liveübertragungen und Direktschaltungen dank Twitter, Facebook und den ganzen anderen Möglichkeiten des Internets machbar – zumindest dem Anschein nach. Ob wir – also jeder einzelne von uns – dieser externen Entwicklung auch intern gerecht werden oder an ihr über kurz oder lang zerbrechen werden, ist die zentrale Frage der Zukunft.

Interessant ist, dass eine solch enorme Erweiterung der informationellen Reichweite bis vor kurzem keiner hat vorhersehen können. So ist mir gestern, als ich im Fernsehen auf Folgen von Star Trek stieß, denen ich mich dann als verkappter Trekkie widmete, etwas entscheidendes aufgefallen. Alle Utopien – besser: Dystopien – sei es Farenheit 451, 1984 oder Brave New World sowie sämtliche Science-Fiction-Stoffe, haben eins verkannt: Die Entwicklung ist nicht nur hinsichtlich der Technologie rasant und verändert die Welt, sondern auch hinsichtlich der Kommunikation. Denn interessanterweise verfügen all diese Geschichten über einen mittlerweile veralteten Modus des zwischenmenschlichen Austauschs. Auf der Enterprise gibt es zwar immens große Datenbanken, die man konsultieren kann, jedoch ist aufgrund der unendlichen Weite des Weltraums der Austauch mit anderen immer begrenzt. Die Kommunikationskanäle des Raumschiffs haben eine limitierte Reichweite und sind daher nicht einem ständigen Input ausgeliefert.

Ein weiteres Merkmal dieser Zukunftsfantasien ist, dass sie alle über klare Hierarchien verfügen – sei es im negativen Sinne wie in 1984 oder im positiven wie in Star Trek. Autorität spielt eine große Rolle und dadurch ist bei jeder den Einzelnen betreffenden Information klar, woher sie kommt und welche Quelle dahinter steckt. Doch auch diesen Aspekt verlieren wir zunehmends. Denn wenn ich mir heutzutage eine Information aus dem Netz beschaffe, ist oftmals nicht einzusehen, wer oder was Ursprung dieser Nachricht ist. Im Gegensatz zu den klassischen Medien und Verlagen, bei denen man weitestgehend noch wusste, welche politische oder weltanschauliche Ausrichtung dahintersteckt, ist dies bei im Netz gefundenen Informationen nicht immer der Fall und somit noch mehr Wasser auf die Mühlen der Orientierungslosigkeit.

Doch zurück zu Angels in America. In einer Parallelszene spricht Prior mit einem Freund über die Halluzination und die beiden Gespräche überlappen sich – entgegen der aristotelischen Einheiten:

Prior:
That’s not what the angels think, they think.… It’s all gone too far, too much loss is what they think we should stop somehow, go back.

Belize:
But that’s not how the world works, Prior. It only spins forward.

Prior:
Yeah but foreward into what?

Angel:
Surely you see towards what We are Progressing:
The fabric of the sky unravels:
Angels hover, anxious fingers worry
The tattered edge.
Before the boiling of blood and the searing of skin
Comes the Secret catastrophe:
Before Life on Earth becomes finally merely impossible,
It will for a long time before have become completely unbearable.
(Coughs)
YOU HAVE DRIVEN HIM AWAY! YOU MUST STOP MOVING!

„Bevor das Leben auf der Erde schlussendlich schier unmöglich wird, wird es lange Zeit vorher absolut unerträglich geworden sein.“ Eine Prophezeihung, die vielleicht näher ist, als wir uns derzeit glauben machen wollen. Denn je schneller wir den eingeschlagenen Weg weiter beschreiten, umso mehr wird es uns an einem mangeln: An der Zeit für Reflektion. Selbst der einfachste Syllogismus bedarf der Zeit, die Prämissen zu extrahieren, damit dann der logische Schluss gezogen werden kann. Wenn man sich diese Zeit nicht nimmt, bleiben die Prämissen unklar und es ist unmöglich einen logisch richtigen Schluss zu ziehen – dies ist die Grundlage einer jeden Fehlentscheidung.

Da wünscht man sich quasi schon einen Mephistopheles, mit dem man einen faustischen Pakt abschließen kann:

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Und so schließe ich mit einem oft zitierten, weisen Gedanken:
Kein Fortschritt – das wäre doch mal einer.

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

Die Argumentation ist mehr als logisch, doch ist der Mensch ein anpassungsfähiges und leistungsorientiertes Individuum, was ja auch in der so rasanten heutigen Welt von Nöten ist, da man sich ja in einem nie enden Konkurrenzkampf des Lebens und Vorankommens befindet.
Daher bleibt einem ja schier keine andere Wahl, als sich in dieses fortschreitende Konzept der 24/7 Informationsflut zu fügen, da man sonst auf der Strecke bleibt.
So traurig das auch klingt, aber obwohl der Weg das Ziel sein soll, heißt es nicht dass dieser immer angenehm ist.

5:45 nachm.  

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